Auch auf die Zwischentöne kommt es an...

 

Wie Gespräche leichter gelingen

Der Ton macht die Musiknoten

 

Als unsere Kinder klein waren, kam ich von der Arbeit nach Hause und wollte nach der täglichen Achterbahn etwas Ruhe. Aber oft kam ich in ein Wohnzimmer voller Zeug (Spielzeug-LKW’s, Tennisschuhe, Chips-Tüten, etc.). Gereizt, wie ich war, waren die ersten Worte an meine Frau Jan etwa so: „Wie kommt es, dass hier solch ein Chaos herrscht?“ Verständlicherweise fühlte sich Jan nach einem Tag, den sie damit verbracht hatte, den Kindern hinterherzulaufen und nebenbei noch ihre eigene Arbeit zu bewältigen, ungerecht kritisiert, und schimpfte zurück. Dann gab es entweder Streit, oder es herrschte kühles Schweigen. Nicht gut.

Und alles begann mit dem Ton, den ich benutzte. Linguisten wie Deborah Tannen haben darauf hingewiesen, dass die meisten Kommunikationen drei Elemente enthalten, die ich anhand des Beispiels oben darstellen werde:

  1. Expliziter Inhalt: Was hat dazu geführt, dass die Dinge auf dem Boden liegen?
  2. Emotionaler Subtext: Gereiztheit, Schuldzuweisungen, überrascht über das Erste, was ich gesagt habe und keinen positiven Kontext angesprochen habe (wie z. B. nach ihrem Tag zu fragen, bevor ich das Chaos erwähne).
  3. Implizite Aussage über die Natur der Beziehung: Ich stehe oben und beurteile, wie gut sie ihre Arbeit als Mutter macht.

 

Einen sanfteren Ton benutzen

Viele Studien haben herausgefunden, dass die zweiten und dritten Elemente – die ich im Allgemeinen als den Ton bezeichne – in der Regel die größte Wirkung darauf haben, wie die Interaktion gelingt. Weil eine Beziehung aus Interaktionen besteht, hat der sich akkumulierende Effekt der Tonlage eine große Wirkung. Besonders wegen der „Vorliebe“ des Gehirns für Negativität – die auf unangenehme Erfahrungen anziehend und auf angenehme Erfahrung abstoßend wirkt – kann ein wiederholt kritischer, abfälliger, enttäuschter, sorgenvoller oder nachtragender Ton wirklich die Beziehung gefährden. John Gottmans Arbeit hat zum Beispiel gezeigt, dass wir typischerweise fünf positive Interaktionen brauchen, um eine negative auszugleichen.

Als ich mit der Zeit lernte, einen sanfteren Ton zu benutzen, wurde meine Frau glücklicher mit mir – und unser Wohnzimmer war nicht mehr so ein Durcheinander.

Achte auf deine Tonlage

Achte auf einen unnötig negativen Ton: bei dir und bei anderen. Und wenn du ihn wahrnimmst – einschließlich der kleinen Anzeichen, wie ein Rollen mit den Augen, Verbitterung oder eine subtile abfällige Bemerkung – achte auf die Folgen. Achte auch auf die Wirkungen einer neutralen oder positiven Tonlage.

Denke an deine wahren Ziele

Frage dich in einer Interaktion, ob du da bist, um Recht zu haben, dem anderen zu zeigen, wie er oder sie falsch liegt, Luft abzulassen oder einer verborgenen Agenda zu folgen. Versteckte Prioritäten werden zu einer problematischen Tonlage führen. Versuche dich stattdessen in positiveren Zielen zu verwurzeln, wie zum Beispiel herauszufinden, was wirklich in einer Situation geschehen ist, aus deinem Herzen zu sprechen, empathisch zu sein, die Beziehung zu stärken oder ein praktisches Problem zu lösen.

Lege eine gute Grundlage

Versuche zunächst einen Rahmen der Verbundenheit und des guten Willens zu bilden und zeige dem anderen, dass du ihn oder sie nicht herumkommandieren willst. Du brauchst nicht die Kooperation des anderen Menschen, um dich deinerseits zu zentrieren, in Gedanken zu klären, was du sagen willst, dein Herz zu öffnen, gute Wünsche zu finden und dir etwas Zeit zu nehmen, um in eine Beziehung zu kommen, bevor du mit deinem Thema beginnst.

Sei vorsichtig mit Wut

Ich denke, es gibt einen Platz für Wut. Sie weist dich darauf hin, dass etwas falsch läuft, und gibt dir die Energie, damit umzugehen. Und es gibt auch Raum, um anderen zu sagen, dass du verärgert oder einfach wütend bist. Aber wie du deine Wut zum Ausdruck bringst, kann viele ungewollte Folgen haben. Menschen haben sich in der Evolution so entwickelt, dass sie auf den Ton der Wut sehr stark reagieren, weil dieser Ton Bedrohung ankündigt; achte nur einmal darauf, wie das Hintergrundgeräusch der Gespräche in einem Restaurant verstummt, wenn eine wütende Stimme zu hören ist.

Werde also langsamer, atme einige Male l-a-n-g aus, um deinen Körper zu beruhigen, betrachte die Situation im Zusammenhang und versuche zu den sanfteren und verletzlicheren Gefühlen unter der Wut hinunterzuspüren. Dann wähle deine Worte sorgsam und benenne, was du unter der Wut noch fühlst, ohne den anderen zu beschuldigen (z. B. „Wenn ich die Kindersachen auf dem Boden herumliegen sehe, fühle ich mich verunsichert und nicht ernst genommen“).

Erinnere dich daran, dass es dich selbst verletzt, wenn du deine Wut auf andere schüttest – wenn auch nur mit kleinen Spitzen – und manchmal ist deine Verletzung sogar größer, als die der anderen. Deshalb sagte der Buddha schon vor langer Zeit: Auf andere wütend zu werden ist so, als würde man mit bloßen Händen glühende Kohlen werfen – beide Beteiligten verbrennen sich.

Entspanne deinen Körper
Entspanne deine Augen, deinen Kehlkopf und dein Herz. Das wird deinen Ton natürlicherweise weicher machen.

Nutze keine aufhetzende Sprache
Übertreibungen, Anschuldigungen, Fehlersuche, Worte wie „niemals“ oder „immer“, Angriffe, Schimpfwörter, alarmierende Bedrohungen, Pathologisieren (z. B. „Du hast eine Persönlichkeitsstörung.“) und Vergleiche (z. B. „Du bist wie dein Vater.“) sind wie Benzin auf diese heißen Kohlen. Verwende stattdessen Worte, die akkurat und nicht provokativ sind. Stelle dir vor, dass du mit einem Video aufgenommen wirst und dass Menschen, denen du wichtig bist, es später ansehen werden. Sage also nichts, was du später bereuen wirst.

Sage, was gesagt werden muss

Ein vernünftiger und angemessener Ton unterstützt die Ehrlichkeit und Durchsetzungskraft, weil du keine Seitenkämpfe austragen musst oder zurückgehen musst, um etwas Zerstörtes wieder aufzubauen. Aber wenn ein sanfter Ton dazu führt, dass du nicht für dich selbst einstehst, hilft das niemandem. Kommuniziere also weiter.

Mögen deine guten Interaktionen gute Beziehungen schaffen!

 

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Try a softer tone veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

 

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson