Entspann dich, denn du bist da

 

Über das Ankommen…

Entspann dich, denn du bist da


Wir verbringen so viel unserer Zeit damit, irgendwo hinzukommen. Ein Teil davon erklärt sich aus unserer biologischen Natur: Um zu überleben, müssen Tiere – wir eingeschlossen – zielgerichtet sein und sich in die Zukunft bewegen. Es ist sicher gesund, positive Ziele zu verfolgen, wie beispielsweise die Miete rechtzeitig zu bezahlen, Kinder gut zu erziehen, einen alten Schmerz zu heilen oder die eigene Bildung zu verbessern. Aber es ist auch wichtig, zu sehen, wie dieser Fokus auf die Zukunft – auf endloses Streben, die nächste Aufgabe zu erledigen, den nächsten Berg zu besteigen – verwirrend und stressvoll werden kann.

Es ist verwirrend, weil unser Gehirn so ist, wie es ist.

  • Die Freude an etwas Erreichtem in der Vergangenheit, aber auch der Schmerz von
    Verlusten in der Zukunft, wird von unserem Gehirn überbewertet. Das hat sich
    entwickelt, um unsere frühen Vorfahren zu motivieren, dem Zuckerbrot
    hinterherzujagen und der Peitsche auszuweichen.
  • Unser Gehirn lässt die Zukunft wie etwas Wirkliches erscheinen, obwohl sie in
    Wirklichkeit so nicht existiert und auch nie existieren wird. Es gibt nur das Jetzt, für
    immer und ewig.
  • Unser Gehirn übersieht das Gutsein dieses Augenblicks – einschließlich der vielen
    Dinge, die schon gelöst oder erreicht sind. Und zwar, damit du damit beschäftigt
    bleibst, nach der nächsten Gefahr oder Möglichkeit zu suchen.

Wie viel müssen wir erreichen, um uns wertvoll zu fühlen?

Das Verfolgen der nächsten Sache ist verwirrend, weil der Verstand dazu tendiert, unerfüllte Bedürfnisse aus der Kindheit in die Gegenwart zu bringen – wie zum Beispiel sicher, wertvoll, attraktiv, erfolgreich oder geliebt zu sein. Diese Sehnsüchte entwickeln oft ein Eigenleben, selbst nachdem die ursprünglichen Bedürfnisse zum großen Teil oder vollkommen befriedigt wurden. Wenn wir wie der sprichwörtliche Esel sind, der versucht, die Karotte zu bekommen, die man vor ihm an einem Stock befestigt hat, dann können wir solange dahinter herjagen, wie wir wollen – wir werden immer davon entfernt bleiben und sie nie erreichen. Ich habe zum Beispiel jahrelang versucht, etwas zu erreichen, weil ich mich minderwertig fühlte. Aber wie viel muss ein Mensch erreicht haben, um sich wie eine wertvolle Person zu fühlen?

Abgesehen davon, dass das Streben verwirrt und verwirrend ist, ist es zudem stressvoll. Du musst dich aufputschen und die Kampf-oder-Flucht-Reaktion des sympathischen Nervensystems aktivieren und die damit verbundenen Stresshormone. Es ergibt sich dabei ein Gefühl des Drucks, das mit Sorgen über die Zukunft (die immer unsicher sein wird) verbunden ist – Gefühle des Gefangenseins in einer nie endenden Tretmühle.

Es gibt kaum Ruhe und Ausgeglichenheit, die aus der Erkenntnis der Wahrheit kommen könnten, dass du tatsächlich schon angekommen bist.

Erkenne die einfache Tatsache, dass du hier an diesem Ort und jetzt in diesem Moment angekommen bist. Er ist vielleicht nicht perfekt, aber denk nur an die vielen Dinge, die du sicherlich getan hast, um hierherzukommen. Zumindest hast du die Schule überstanden! Du hast viele Schritte getan, viele Probleme gelöst und viele Aufgaben und Herausforderungen hinter dir gelassen.

Das Wort „ankommen“ kommt aus der Wurzel von Worten, die soviel bedeuten wie „das andere Ufer erreichen“. Wenn du an Land gegangen bist, ist das Leben natürlich nicht vorbei, denn der nächste Moment wird eine neue Ankunft sein. Aber wenn wir uns auf das Gefühl des Angekommenseins einlassen können – das Gefühl, dass wir in diesem Moment schon die Ziellinie überschritten haben –, ist das beruhigend, glücklich und verdient. Und wenn du weißt, dass du angekommen bist, dann kannst du deine Aufmerksamkeit darauf richten, wirklich für andere da zu sein.

Vertiefe das Gefühl des Angekommenseins

Entspanne dich in diesen Moment hinein. Von Zeit zu Zeit kannst du leise zu dir sagen: ankommen… angekommen… ankommen…

Beziehe deinen Körper mit ein, um diese Erfahrung zu verstärken. Lass jeden Atemzug in deinem Gewahrsein landen: ankommen… angekommen… ankommen…

Achte auf den kleinen Bissen, der in deinem Mund landet, die Mahlzeit, die du isst, den Körper, der genährt wird. Achte, wenn du läufst, darauf, dass du mit jedem Schritt einen anderen Ort erreicht hast. Sei dir dessen bewusst, dass deine Hand eine Tasse berührt, dass deine Augen einen Sonnenuntergang gesehen haben, dass das Lächeln eines Freundes in deinem Herzen gelandet ist.

In sich vollkommene Momente

Denk an alte Sehnsüchte, alte Bedürfnisse, die vielleicht wirklich schon befriedigt sind, zumindest in angemessener Weise. Und wenn sie nicht befriedigt sind, dann ist es vielleicht Zeit, sie loszulassen und weiterzugehen. Kannst du diese Dinge leichter nehmen? Oder kannst du akzeptieren, dass du in diesem Moment an einem Ort angekommen bist, der unerreichte Ziele und unbefriedigte Bedürfnisse enthält? Und trotzdem ist es ein Ankommen. Zudem ist es ein „Ufer“, und da gibt es wahrscheinlich viele gute Dinge, egal was noch ungelöst sein mag.

Reflektiere so tief wie möglich darüber, dass jeder Moment in sich vollkommen ankommt. Jede Welle landet vollkommen, so wie sie ist, am Ufer des Jetzt.

Ankommen… angekommen… ankommen…

Angekommen.

 

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Relax, you’ve arrived veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

 

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson