Vieles wünscht sich der Mensch, und doch bedarf er nur wenig.

(Goethe)

 

Nimm deine Wünsche leicht

Es ist Zeit Unkraut zu jäten und Bäume zu pflanzen

 

Das Anhaften am Wollen – sowohl, wenn wir das Angenehme haben wollen, als auch, wenn wir das Unangenehme vermeiden wollen – ist eine der größten Quellen von Leiden und Verletzung für uns selbst und andere.

Das meiste, was wir haben wollen, kommt mit einem großen Preisschild – wie das zweite Stück Kuchen, ständige Stimulation durch Fernsehen und Webseiten, sich in Wut gehen lassen, der Konsum von Rauschmitteln, Überarbeitung oder die Manipulation von anderen, um Anerkennung oder Liebe zu bekommen. In größerem Maßstab führt der konsumorientierte Lebensstil, der in den westlichen Nationen so verbreitet ist, dazu, dass ein großer Teil der weltweiten Ressourcen – oft buchstäblich – aufgegessen wird.

Ähnlich ist vieles von dem, was wir vermeiden wollen – wie das unangenehme Gefühl, unsere Meinung zu sagen, einige Arten des psychologischen und spirituellen Wachstums, sich für andere einzusetzen, zu trainieren, emotional verwundbar zu sein oder wirklich seinem eigenen Traum zu folgen – tatsächlich gut für uns selbst und andere.

 

Genieße positive Wünsche, ohne anzuhaften

Einige Wünsche sind sicher heilsam, wie zum Beispiel der Wunsch, dass du und andere sicher, gesund und glücklich sind und mit Leichtigkeit leben. Es ist natürlich, Liebe zu geben und zu bekommen, dich selbst kreativ auszudrücken, finanziell in einer guten Lage zu sein, mit Respekt behandelt zu werden, einen großen Beitrag zu leisten oder dich in deiner Karriere nach oben zu bewegen. Und viele Dinge im Leben sind angenehm – einige meiner Favoriten sind der Morgenkaffee mit meiner Frau, Wandern in der Wildnis, zuzuschauen, wie die SF Giants letztes Jahr die World Series im Baseball gewonnen haben, Kinder aufwachsen zu sehen, diese Blogs schreiben und mit Freunden beim Abendessen lachen.

Aber selbst bei positiven Wünschen und angenehmen Erfahrungen wird es schwierig, wenn wir davon getrieben werden – ihnen nachjagen, darauf bestehen, dass sie weitergehen, festhalten und anhaften, Schwierigkeiten persönlich nehmen, Dinge vorantreiben wollen oder in einem Tunnel ohne Ausgang gefangen sind. Die Kunst besteht darin, positive Wünsche mit Enthusiasmus, Disziplin und Geschicklichkeit zu verfolgen, ohne total aufgeregt zu werden und nur noch darüber nachzudenken – und die angenehmen Erfahrungen des Lebens genießen, ohne daran anzuhaften.

 

Ein kraftvolles Mittel zur Befreiung von Leiden

Denn selbst die angenehmsten und erfüllendsten Erfahrungen haben immer ein Ende. Immer wieder wirst du von Dingen getrennt, die dir Freude bereiten. Und eines Tages wird diese Trennung für immer sein. Freunde entfernen sich, Kinder verlassen das Zuhause, Karrieren enden und schließlich kommt und geht auch dein letzter Atemzug. Alles, was beginnt, muss auch enden. Alles, was sich verbindet, muss sich wieder auflösen. Angesichts dieser Wahrheit ist es hoffnungslos und schmerzhaft, wenn wir hinter Dingen herjagen, die wir wollen, oder uns daran festklammern.

Um eine Analogie des thailändischen Meditationslehrers Ajahn Chah zu benutzen: Wenn der Ärger über etwas Unangenehmes so ist, wie der Biss einer Schlange, dann ist das Anhaften an dem, was angenehm ist, wie das Ergreifen des Schwanzes der Schlange; früher oder später wird sie dich doch beißen.

Deshalb ist es im Alltag sehr hilfreich, wenn wir Wünsche leicht nehmen, es wird dir mehr Leichtigkeit und weniger Ärger in Bezug auf deine Begierden bringen und zu weniger Problemen für andere führen – selbst auf der anderen Seite der Welt. Und wenn du es in wirklicher Tiefe praktizierst, ist der leichte Umgang mit Wünschen ein kraftvolles Mittel zur Befreiung von all dem Leiden, das im Begehren wurzelt.

 

Sei dir der Wünsche in deinem eigenen Verstand bewusst

Versuche dabei auf Folgendes zu achten:

  • Die Art und Weise, wie sich das Begehren selbst unangenehm, wie eine subtile Anspannung anfühlt.
  • Der emotionale Schmerz, wenn du nicht bekommst, was du willst. Einschließlich der Enttäuschung, Frustration, Entmutigung – vielleicht sogar Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung.
  • Die immer wiederkehrende Diskrepanz zwischen den positiven Wirkungen, die du erwartet hast, wenn du etwas wolltest und wie es sich dann wirklich anfühlt, wenn du es bekommst. Achte in gleicher Weise auf den erwarteten Schmerz aus Dingen, die du vermeiden willst – besonders Dinge, denen du dich öffnen und denen du nachgehen solltest. In der Regel ist er schlimmer, als die unangenehmen Gefühle, die du tatsächlich spüren würdest. Der Grund dafür ist, dass die Zentren für Freude und Schmerz im Gehirn sehr alt und primitiv sind, und unsere Vorfahren manipuliert haben, um Dinge für ihr Überleben zu tun. Die scheinbaren Möglichkeiten werden übertrieben positiv, die scheinbaren Risiken hingegen übertrieben negativ und furchterregend dargestellt.
  • Die Folgen, wenn du das verfolgst, was du willst, und die Folgen des Versuchs, einige der eigentlich unterstützenden Dinge zu vermeiden, die du nicht willst. Was ist hier wirklich die Beziehung zwischen Gewinn und Kosten?
  • Die Art und Weise, wie sich jede angenehme Erfahrung unweigerlich verändern muss und schließlich endet.

 

Betrachte deine Wünsche aus einer anderen Perspektive

Stell dir als Nächstes vor, dass du deine Wünsche aus einer großen Distanz betrachtest, wie zum Beispiel vom Gipfel eines Berges aus, wobei deine Wünsche unten im Tal wären. Lass sie sein und weiterziehen, wie Wolken im offenen Himmel des Gewahrseins. Sie sind einfach nur ein weiterer mentaler Inhalt, wie Situationen, Gedanken oder Erinnerungen. Gib ihnen keinen besonderen Status. Es sind nur Wünsche. Du musst nicht danach handeln. Normalerweise vergehen sie einfach nach einer Weile.

 

Schreibe eine Wunsch-Liste

Liste dann in Gedanken oder auf einem Blatt Papier problematische Wünsche auf:

  • Dinge, die du haben wolltest, aber die nicht gut für dich oder andere sind oder einen zu hohen Preis haben.
  • Dinge, die du vermeiden willst, die aber in Wirklichkeit gut für dich und andere sind.

 

Lass die positiven Wünsche die negativen verdrängen

Lebe mit dieser Liste.
Sieh sie dir an.
Höre darauf, was sie dir sagt.
Sprich vielleicht mit anderen darüber (vielleicht mit einem Therapeuten).
Und dann mach dir einen Plan mit Dingen, für die du dich entscheidest, um etwas dagegen zu tun.
Ehre diesen Plan, erzähle anderen davon.

Mach auch eine Liste von positiven Wünschen, die du weiter verfolgen willst. Einige davon gehen vielleicht implizit aus der Liste oben hervor, aus den Dingen, die du vermeiden wolltest. Verbringe etwas Zeit mit dieser Liste, diskutiere sie vielleicht mit anderen. Dann mach einen ernsthaften Plan, für welche dieser positiven Wünsche du dich entscheidest, und überlege, was du dafür tun kannst. Deine positiven Wünsche werden schließlich die negativen verdrängen.

Ich weiß, dass das, was ich hier über diese beiden Listen sage, eine große Aufgabe ist. Es ist leichter gesagt, als getan. Ich habe vor Kurzem mit einigen meiner eigenen Punkte auf diesen Listen gerungen und es ist nicht einfach. Aber wir können uns unserer Probleme für immer bewusst sein – sogar achtsam bewusst! – und trotzdem nichts zu ihrer Lösung tun.
Nachdem du für eine Weile den Garten beobachtet hast… ist es Zeit, das Unkraut herauszuziehen und Bäume zu pflanzen.

 

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Hold wants lightly veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

 

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson