Wenn du eine Tasse wirklich achten würdest, wie würdest du sie behandeln?

 

Liebe die Welt

Was geschieht, wenn wir unsere Umgebung wertschätzen

 

Ganz vereinfach gesagt, hat sich unser Gehirn in drei Stadien entwickelt. Um diesen komplexen Prozess zu verstehen, vereinfachen wir diese drei Gehirnregionen auf folgende Weise. Den Hirnstamm, der Leid VERMEIDEN will, bezeichne ich als Reptilienhirn. Das limbisches System nenne ich Säugetierhirn, weil es von ANGENEHMEN angezogen wird. Und dem Kortex, der sich auf das ANHAFTEN an „uns“ fokussiert, gebe ich den Namen Primatenhirn.

Weil es (zumindest mir) Spaß macht, habe ich in meinem Newsletter einige Themen mit Tiergeschichten beschrieben.

  • In Streichle die Eidechse geht es darum, wie wir die ältesten Hirnstrukturen (das Reptilienhirn) beruhigen können, die Strukturen, die mit der ersten und ältesten Emotion umgehen: Angst.
  • In Füttere die Maus beschäftige ich mich damit, wie wir den frühen neuralen Strukturen des Säugetierhirns helfen können, sich angenehm und zufrieden zu fühlen.
  • Umarme den Affen handelt von dem Gefühl, angenommen und geliebt zu werden und wie wir es im zerebralen Kortex des Primaten unterstützen können.

Natürlich gehen diese drei Übungen weit über ihre anatomischen Wurzeln hinaus. Die drei ursprünglichen Motivationssysteme deines Gehirns – Leid vermeiden, Angenehmes suchen und an „uns“ anhaften – nutzen viele neurale Netzwerke, um ihre Ziele zu erreichen. In der Tat kann ein Motivationssystem sich auf die anderen beiden beziehen. Du könntest beispielsweise deine Anhaftung an einer Freundin dadurch zum Ausdruck bringen, dass du ihr hilfst, Leid zu vermeiden und Angenehmes zu suchen.

Das vierte Motivationssystem

Vor Kurzem habe ich bemerkt, dass sich aus diesen drei Motivationssystemen noch ein viertes entwickelt. Egal, ob wir uns unsere Vorfahren in den Jäger-und-Sammler-Kulturen anschauen, die von ihrer natürlichen Umgebung abhängig waren, um Nahrung und Schutz zu finden; oder den modernen Menschen, der sein Zuhause oder seinen Arbeitsplatz nutzt; oder die fast sieben Milliarden Menschen, die die Grenzen des Rettungsbootes Erde austesten: um zu überleben und uns zu entwickeln ruft uns die kulturelle Evolution und vielleicht sogar die biologische Evolution dazu auf, die Welt zu lieben.

Die Welt ist um uns, als Materie/Energie, Natur und von Menschen hergestellte Objekte, die du überall in deiner Umgebung finden kannst. Und in weiteren Kreisen umfasst die Welt auch die Gesellschaft und die Kultur, den Planeten und letztendlich das ganze und in vieler Hinsicht immer noch geheimnisvolle Universum.

Wenn du die Welt liebst, dann spürst du ihr gegenüber Wertschätzung und Fürsorge. Und beides gibt dir ein gutes Gefühl. Zudem kannst du einen Beitrag leisten, um das zu bewahren, was Luft und Nahrung, Lebenserwerb, Sicherheit, Freude und Gemeinschaft überhaupt erst ermöglicht.

Unsere Wirkung auf die Welt

Während der letzten Millionen Jahre der menschlichen Evolution hatte unsere sich entwickelnde Spezies nicht so eine große Kapazität, der Welt zu schaden, und wir waren uns auch noch nie unserer Wirkung auf die Welt so bewusst.

Aber heute hat die Menschheit eine große Macht zum Guten und zum Schlechten und zudem ein unbestreitbares Wissen über die Wirkung auf die natürliche und geschaffene Welt. Und während sich der Planet erhitzt und die Ressourcen sich verringern – und eine Spezies (wir), die sich zum Teil dadurch entwickelte, dass sie brutal und aggressiv mit anderen Mitgliedern ihrer eigenen Spezies umging (wie die Forschungsergebnisse über den hohen Prozentsatz gewaltsamer Tode in Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zeigen), und nun kooperativ und friedlich leben muss, wenn sie überhaupt leben will – ist es entscheidend wichtig, dass wir eine vierte grundlegende Motivation finden, die unsere Gedanken, unsere Sprache und vor allem unser Handeln leiten kann:

„Liebe die Welt.“

In Bezug auf den Aspekt der Wertschätzung kannst du es dir zur Gewohnheit machen, nach Gelegenheiten in deiner Umgebung zu suchen, um dich an kleinen Dingen zu erfreuen, sie wertzuschätzen und dankbar dafür zu sein.

Das kann alles sein, was in deiner Nähe ist – weiche Kissen, blühende Blumen, Verkehrsregeln, Sonnenaufgänge, Bibliotheken, der Schatten von Bäumen, gemeinsame Sprache – bis hin zu den immer größer werdenden verzweigten Netzen, die wir alle teilen: das Internet, globale Institutionen, Sauerstoff/Kohlendioxid-Austausch, durch den sich Tiere und Pflanzen einander Atem geben, das unglaublich seltene und glückliche Erscheinen eines felsigen Planeten – Erde –, der die frühe Bildung eines Sonnensystems überlebt hat und eine Umlaufbahn finden konnte, die Wasser auf seiner Oberfläche erlaubt … bis zu einem Universum, das aus dem Nichts entstanden ist: das größte Nest von allen, das außergewöhnliche Geheimnis, in dem wir unser gewöhnliches Leben gestalten.

Pflegen, schützen, fördern

In Bezug auf den Aspekt der Fürsorge sehe ich eine Kombination von pflegen, schützen und fördern. Es ist ganz natürlich, dass wir das, was wir lieben, pflegen; wenn wir etwas pflegen, möchten wir, dass es sicher ist; wenn es geschützt ist, dann wollen wir es wachsen sehen.

Eine interessante Nebenbemerkung: Diese drei Haltungen beziehen sich auf die drei grundlegenden Motivationssysteme – das System des Anhaftens pflegt, das System des Vermeidens schützt und das System der Anziehung nährt.

Wie bei anderen Aspekten der Evolution nutzen neue Fähigkeiten und Funktionen die vorhergehenden „niederen“ Systeme. Es könnte so viel über die Pflege, den Schutz und die Entwicklung unserer Welt geschrieben werden – und es gibt auch eine Menge Literatur darüber – aber ich muss mich hier kurz fassen und gebe nur drei Empfehlungen.

Drei Tipps

  1. Berühre für eine Minute, eine Stunde oder eine ganze Woche natürliche und von Menschen gemachte Dinge in deiner Umgebung so, als würdest du sie achten und pflegen. Wenn du eine Orange oder eine Tasse wirklich achten würdest, wie würdest du sie behandeln?
  2. Schütze etwas vor einem Schaden. Du könntest etwas behalten, das du sonst wegwerfen würdest, vom Wasser, das aus dem Wasserhahn tropft bis hin zum Essen im Restaurant. Sicherheit ist ein nützliches Ziel des Systems der Vermeidung, was zum großen Teil dadurch erreicht wird, dass wir bewahren, was wir haben.
  3. Such dir etwas, das du beim Wachsen und in der Entwicklung unterstützen kannst. Vielleicht eine Pflanze oder ein Unternehmen oder ein Projekt an deiner lokalen Schule oder die Zusammenarbeit zwischen einigen Freunden oder eine Reparatur bei dir Zuhause.

Im Kern all dessen erfahre ich diese Praxis als einen Ausdruck unserer Beziehung zur Welt. Beziehen wir uns auf sie wie auf einen Gegner oder einen entfernten Bekannten? Oder beziehen wir uns auf die Welt als einen Freund, ein Kind, eine geliebte Heimat?

Hier und dort und überall: Lasst uns alle in einer Welt leben, die wir lieben.

 

Dieser Artikel stammt von Rick Hanson, Autor des Buches Das Gehirn eines Buddha. Er wurde erstmals auf seiner Website rickhanson.net unter dem Titel Love the world veröffentlicht. Übersetzung: Arbor Verlag/Mike Kauschke.

Im November 2012 erschien im Arbor Verlag das gleichnamige Buch zum Newsletter: Just 1 Thing – So entwickeln Sie das Gehirn eines Buddha.

 

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz. Urheber: Arbor Verlag/Rick Hanson